{"id":1666,"date":"2014-05-03T07:22:36","date_gmt":"2014-05-03T06:22:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.romev.de\/?p=1666"},"modified":"2014-07-03T07:33:47","modified_gmt":"2014-07-03T06:33:47","slug":"aufruf-an-den-bundestag-den-bundesrat-und-die-bundesregierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.romev.de\/?p=1666","title":{"rendered":"Aufruf an den Bundestag, den Bundesrat und die Bundesregierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr die Rechte von Roma-Fl\u00fcchtlingen \u2013 sie haben kein \u201esicheres Herkunftsland\u201c!<\/strong><br \/>\n<strong> \u2013 zum Gesetzentwurf der Bundesregierung, die L\u00e4nder Bosnien-Herzegowina, Serbien und<\/strong><br \/>\n<strong> Mazedonien zu \u201esicheren Herkunftsl\u00e4ndern\u201c zu erkl\u00e4ren \u2013<\/strong><br \/>\nSolange das asylabwehrende, rigide Visaregime gegen\u00fcber den Staaten des vormaligen<br \/>\nJugoslawiens bestand \u2013 bis in die Jahre 2009\/2010 \u2013, konnten \u00fcberhaupt nur wenige Fl\u00fcchtlinge<br \/>\naus diesen Staaten um Asyl und Schutz in Deutschland nachsuchen. Sie kamen erst gar nicht \u00fcber<br \/>\ndie Grenzen. Mit der Aufhebung der Visumpflicht hat sich dieses ge\u00e4ndert. Da man jedoch<br \/>\ndiskriminierten und verarmten Roma, die nun die Gelegenheit nutzen, ihrem Elend zu entfliehen, in<br \/>\nDeutschland keinen Schutz gew\u00e4hren will, sollen die Staaten Bosnien-Herzegowina, Serbien und<br \/>\nMazedonien kurzerhand zu \u201esicheren Herkunftsl\u00e4ndern\u201c erkl\u00e4rt werden. Nach der Regierungslogik:<br \/>\nDer Staat, aus dem viele Roma nach Deutschland migrieren, kann nur ein sicherer Herkunftsstaat<br \/>\nsein, denn dann ist es einfacher, Roma dorthin abzuschieben.<\/p>\n<p>Die unterzeichnenden Organisationen und Einzelpersonen lehnen die vorgeschlagene<br \/>\nGesetzes\u00e4nderung ab, da sie den Schutzanspruch insbesondere von Roma-Fl\u00fcchtlingen aus den<br \/>\nStaaten des vormaligen Jugoslawiens menschenrechtswidrig untergr\u00e4bt. Den Schutzsuchenden<br \/>\nsoll damit auferlegt werden, die generelle staatliche Vermutung zu widerlegen, dass ihr Asylgesuch<br \/>\n\u201eoffensichtlich unbegr\u00fcndet\u201c sei, weil sie aus einem vermeintlich \u201esicheren Herkunftsstaat\u201c<br \/>\nkommen. Die damit einhergehende Beschleunigung des Asyl- und Abschiebeverfahrens geht allein<br \/>\nzu ihren Lasten. Faktisch wird ihnen damit die M\u00f6glichkeit einer gr\u00fcndlichen Pr\u00fcfung des<br \/>\nEinzelfalls genommen, die bislang in zahlreichen F\u00e4llen zu einem Aufenthaltsrecht in Deutschland<br \/>\ngef\u00fchrt hat, obwohl bereits in der gegenw\u00e4rtigen Asylpraxis Ablehnungen im Schnellverfahren<br \/>\n\u00fcblich sind. Zudem werden mit dem Gesetzentwurf die vielfachen existenzbedrohenden<br \/>\nDiskriminierungen und die gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffe, denen viele Roma in den o.g. L\u00e4ndern<br \/>\nausgesetzt sind, sowie ihre soziale Verelendung von vornherein als nicht schutzrelevant eingestuft.<br \/>\nDie Bundesregierung gibt die Zahl derjenigen, die im Jahr 2013 aus diesen k\u00fcnftig zu sicheren<br \/>\nHerkunftsstaaten transformierten L\u00e4ndern Asyl-, Fl\u00fcchtlings- oder subsidi\u00e4ren Schutz erhalten<br \/>\nhaben, mit 60 F\u00e4llen an. Hinzu kommen weitere 82 Gerichtsentscheidungen im Jahr 2013, mit<br \/>\ndenen Fl\u00fcchtlingen ebenfalls ein Schutzanspruch zugesprochen wurde. Mehrere Bundesl\u00e4nder<br \/>\nhaben die Abschiebungen insbesondere von Roma in L\u00e4nder des vormaligen Jugoslawiens<br \/>\nzumindest \u00fcber die Wintermonate ausgesetzt, weil sie von existenzbedrohlichen Gef\u00e4hrdungen<br \/>\nund h\u00f6chst unsicheren R\u00fcckkehrbedingungen ausgingen. Nach der regierungsamtlichen Logik<br \/>\nbleiben diese Sachverhalte jedoch ohne Bedeutung. Betroffen von der geplanten<br \/>\nGesetzes\u00e4nderung sind auch viele Kinder, denen in ihren Herkunftsl\u00e4ndern schulische Bildung<br \/>\nverweigert wird. F\u00fcr sie ist eine Zukunft ohne berufliche Arbeit in den Elendsquartieren der Roma-<br \/>\nSiedlungen vorgezeichnet.<\/p>\n<p>Der Gesetzentwurf der Bundesregierung zielt allein darauf ab, die unerw\u00fcnschten Roma m\u00f6glichst<br \/>\nrasch wieder in ihre Herkunftsstaaten abzuschieben, in denen sie systematisch diskriminiert und in<br \/>\nvielen sozialen Belangen massiv benachteiligt und ausgegrenzt werden. Entgegen allen<br \/>\nBeteuerungen der Bundesregierung, sich f\u00fcr die Roma-Minderheiten einzusetzen, bleibt die<br \/>\nexistenzbedrohende Lage von Roma in S\u00fcdosteuropa ohne Konsequenz.<br \/>\nAus menschenrechtlicher Sicht und aus tats\u00e4chlicher \u00dcbernahme von Verantwortung f\u00fcr den<br \/>\nV\u00f6lkermord an den Sinti und Roma ist der Gesetzesentwurf abzulehnen.<br \/>\nDie Worte von Bundeskanzlerin Merkel zur Einweihung des Denkmals f\u00fcr die im<br \/>\nNationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma d\u00fcrfen nicht folgenlos bleiben. Sie erkl\u00e4rte:<br \/>\n\u201eMenschlichkeit \u2013 das bedeutet Anteilnahme, die F\u00e4higkeit und die Bereitschaft, auch mit<br \/>\nden Augen des anderen zu sehen. Sie bedeutet hinzusehen und nicht wegzusehen, wenn<br \/>\ndie W\u00fcrde des Menschen verletzt wird. Davon lebt jegliche Zivilisation, Kultur und<br \/>\nDemokratie. (\u2026) Doch reden wir nicht drumherum: Sinti und Roma leiden auch heute<br \/>\noftmals unter Ausgrenzung, unter Ablehnung. (\u2026) Sinti und Roma m\u00fcssen auch heute um<br \/>\nihre Rechte k\u00e4mpfen. Deshalb ist es eine deutsche und eine europ\u00e4ische Aufgabe, sie<br \/>\ndabei zu unterst\u00fctzen, wo auch immer und innerhalb welcher Staatsgrenzen auch immer<br \/>\nsie leben. (\u2026)\u201c<br \/>\nDer Gesetzentwurf widerspricht diesem Bekenntnis der Bundeskanzlerin eklatant. Die<br \/>\nBundesregierung will nicht hinsehen, wenn die W\u00fcrde des Menschen verletzt wird. Statt f\u00fcr die<br \/>\nRechte der Roma jenseits aller Staatsgrenzen zu streiten, werden sie dorthin zur\u00fcckgeschickt, von<br \/>\nwo sie geflohen sind und wo sie unter Ausgrenzung und Ablehnung leiden.<\/p>\n<p>K\u00f6ln, den 30. April 2014<\/p>\n<p>Der vom Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie initiierte Appell wird von nachfolgenden<br \/>\nB\u00fcrgerrechtsorganisationen, Rechtsanwaltsvereinen, Fl\u00fcchtlingsr\u00e4ten, Sinti- und Roma-Verb\u00e4nden,<br \/>\nFachanw\u00e4ltinnen und Fachanw\u00e4lte sowie zahlreichen \u00f6ffentlichen Personen unterzeichnet.<\/p>\n<p><strong>Rechtsanwaltsvereine:<\/strong><br \/>\nDeutscher Anwaltverein e.V., Berlin (DAV)<br \/>\nRepublikanischer Anw\u00e4ltinnen- und Anw\u00e4lteverein e.V., Berlin (RAV)<br \/>\nVereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen e.V., Krefeld (VDJ)<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerrechtsorganisationen:<\/strong><br \/>\nHumanistische Union e.V., Berlin<br \/>\nInternationale Liga f\u00fcr Menschenrechte, Berlin<br \/>\nKomitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie e.V., K\u00f6ln<br \/>\nPRO ASYL \u2013 Bundesweite Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge e.V., Frankfurt a.M.<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlingshilfenetzwerke und -organisationen:<\/strong><br \/>\nAktion 3.Welt Saar<br \/>\nArbeitskreis Fl\u00fcchtlinge und Asyl der IPPNW<br \/>\nAK Roma-Unterst\u00fctzer_innen Hamburg<br \/>\nCourage gegen Rassismus e.V., Frankfurt a. M.<br \/>\nFreiburger Forum aktiv gegen Ausgrenzung, Freiburg<br \/>\nInitiative | SCHL\u00dcSSELMENSCH e.V., Freiburg<br \/>\nJesuiten-Fl\u00fcchtlingsdienst Deutschland, Berlin (JRS)<\/p>\n<p><strong>Sinti- und Roma-Organisationen:<\/strong><br \/>\nChachipe e.V.<br \/>\nBundesRomaVerband, G\u00f6ttingen (BRV)<br \/>\nRom e.V., K\u00f6ln<br \/>\nZentralrat Deutscher Sinti und Roma e.V., Heidelberg<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlingsr\u00e4te:<\/strong><br \/>\nBayerischer Fl\u00fcchtlingsrat e.V.<br \/>\nFl\u00fcchtlingsrat Berlin e.V.<br \/>\nFl\u00fcchtlingsinitiative Bremen e.V.<br \/>\nFl\u00fcchtlingsrat Hamburg e.V.<br \/>\nFl\u00fcchtlingsrat Niedersachsen e.V.<br \/>\nFl\u00fcchtlingsrat NRW e.V.<br \/>\nFl\u00fcchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V<br \/>\nFachanw\u00e4ltinnen und Fachanw\u00e4lte:<br \/>\nRechtsanw\u00e4ltin Eva Steffen, Aachen<br \/>\nRechtsanw\u00e4ltin Sigrid H. T\u00f6pfer, Hamburg<\/p>\n<p><strong>Weitere Organisationen<\/strong><br \/>\nHamburgs aktive Jurastudent_innen (HAJ)<br \/>\nJ\u00fcdische Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost e.V.<\/p>\n<p><strong>Einzelpersonen:<\/strong><br \/>\nProf. Dr. Klaus J. Bade, Osnabr\u00fcck<br \/>\nProf. Dr. Micha Brumlik, Frankfurt a. M.<br \/>\nProf. Dr. Andreas Buro, Gr\u00e4venwiesbach<br \/>\nKlaudia Dolk, Ev. Fl\u00fcchtlingsberatung, D\u00fcsseldorf<br \/>\nDr. Ernst-Ludwig Iskenius (IPPNW), Wittstock<br \/>\nJ\u00fcrgen Kiefer | Verein f\u00fcr Sozialpsychiatrie gem. e.V., Saarlouis<br \/>\nDaniel Lede Abal, MdL<br \/>\nProf. Dr. Wolf-Dieter Narr, Berlin<br \/>\nDr. Gisela Penteker, IPPNW<br \/>\nProf. Dr. Fanny-Michaela Reisin, Berlin<br \/>\nProf. Dr. Albert Scherr, Freiburg<br \/>\nProf. Dr. Nausikaa Schirilla, Freiburg<br \/>\nIrmtraud-Rose Stenzel, Waldkirch im Breisgau<br \/>\nChristoph Tometten, Berlin<br \/>\nDr. Waltraut Wirtgen, IPPNW, M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Rechte von Roma-Fl\u00fcchtlingen \u2013 sie haben kein \u201esicheres Herkunftsland\u201c! \u2013 zum Gesetzentwurf der Bundesregierung, die L\u00e4nder Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien zu \u201esicheren Herkunftsl\u00e4ndern\u201c zu erkl\u00e4ren \u2013 Solange das&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1965,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50],"tags":[],"class_list":{"0":"post-1666","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-aktuelles"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1965"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1666"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1669,"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1666\/revisions\/1669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.romev.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}