Einmal im Monat veröffentlichen wir einen Artikel zu unserer Arbeit: Hintergrundinfos, Erfolge und Herausforderungen.

 

Mai 2026: „Kettenduldung“: Wenn Generationen ohne gesicherten Status aufwachsen

Neben aktuellen migrationspolitischen Verschärfungen rückt ein strukturelles Problem stärker in den Fokus: die sogenannte „Kettenduldung“. Sie betrifft nicht nur neu eingereiste Personen, sondern in vielen Fällen Familien, deren Lebensrealität sich über zwei, drei oder mehr Generationen hinweg in Deutschland abspielt – ohne jemals einen gesicherten Aufenthaltsstatus zu erhalten.

Geboren in Deutschland – rechtlich dennoch ausgeschlossen

Unter den Betroffenen befinden sich junge Menschen, die in Deutschland geboren wurden, hier Kindergärten, Schulen und Ausbildungswege durchlaufen haben und längst Teil der Gesellschaft sind. Sie sprechen Deutsch, haben Freundeskreise, arbeiten oder studieren – und erleben dennoch, dass sie rechtlich nicht als zugehörig anerkannt werden.

Ein zentraler Grund liegt in der fehlenden Identitätsklärung. Für viele Roma-Familien ist diese Anforderung kaum erfüllbar. Historische Verfolgung, Vertreibung und insbesondere die Vernichtung von Dokumenten während des nationalsozialistischen Völkermords an den Roma sowie spätere Diskriminierung in verschiedenen europäischen Staaten haben dazu geführt, dass oft weder Geburtsurkunden noch Staatsangehörigkeitsnachweise lückenlos vorhanden sind.

Die Folge: Ohne anerkannte Identitätsdokumente bleibt der Zugang zu einem regulären Aufenthaltstitel oder zur Einbürgerung blockiert – selbst dann, wenn alle anderen Voraussetzungen erfüllt wären.

Ein Leben im „vorläufigen“ Zustand

Die Duldung ist rechtlich kein Aufenthaltsstatus, sondern lediglich die vorübergehende Aussetzung einer Abschiebung. Für viele wird sie jedoch zum Dauerzustand.

Die Auswirkungen sind gravierend: eingeschränkter Zugang zu Bildung und Ausbildungsförderung, Hürden beim Arbeitsmarktzugang trotz Qualifikation, Unsicherheit bei Wohnraum und langfristiger Lebensplanung, psychische Belastung durch permanente Perspektivlosigkeit.

Für junge Menschen bedeutet dies, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der sie sozial integriert sind, aber institutionell ausgeschlossen bleiben. Sie bewegen sich im Alltag selbstverständlich unter Gleichaltrigen, teilen Lebensrealitäten und Zukunftspläne – während ihr rechtlicher Status sie immer wieder ausgrenzt.

Identität zwischen Zugehörigkeit und Ablehnung

Besonders prägend ist die Situation für Jugendliche und junge Erwachsene: Sie entwickeln ihre Identität in Deutschland, empfinden dieses Land als ihre Heimat, erleben jedoch, dass der Staat sie nicht als vollwertige Mitglieder anerkennt. Diese Diskrepanz kann zu tiefgreifenden Konflikten führen: Gefühl der Unsichtbarkeit, mangelnde Planungssicherheit, eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe. Der Status der Duldung wirkt hier nicht nur administrativ, sondern auch sozial und psychologisch ausgrenzend.

Rechtliche Gleichheit und gesellschaftliche Realität

Nach deutschem Grundgesetz sowie internationalen Menschenrechtskonventionen – etwa der Europäischen Menschenrechtskonvention – sind alle Menschen in ihrer Würde und ihren grundlegenden Rechten gleich. Ein durchschnittlicher deutscher Staatsbürger und ein in Deutschland lebender Rom sind rechtlich als Menschen gleichwertig, unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsstatus.

Die Praxis zeigt jedoch, dass formale Anforderungen – insbesondere im Bereich der Identitätsnachweise – zu faktischen Ungleichheiten führen können. Diese betreffen nicht nur den Zugang zu Staatsangehörigkeit, sondern auch grundlegende Lebensbedingungen.

Ein strukturelles Problem mit historischer Dimension

Die Situation vieler Roma-Familien ist nicht isoliert zu betrachten. Sie steht im Zusammenhang mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung in Europa. Fehlende Dokumente sind oft keine individuelle Versäumnis, sondern Ergebnis historischer Verfolgung und systematischer Marginalisierung.

Wenn heutige rechtliche Verfahren diese Hintergründe nicht ausreichend berücksichtigen, entsteht eine strukturelle Benachteiligung, die sich über Generationen fortsetzt.

Fazit

Die „Kettenduldung“ offenbart eine grundlegende Spannung im deutschen Migrationssystem: Zwischen rechtlichen Anforderungen und gelebter Realität entstehen Situationen, in denen Menschen, die faktisch Teil der Gesellschaft sind, dauerhaft in einem prekären Status verbleiben.

Eine nachhaltige Lösung erfordert nicht nur administrative Anpassungen, sondern auch eine Anerkennung der besonderen historischen und sozialen Umstände, die hinter vielen dieser Fälle stehen.